| Christen sollen sich "politisch einmischen" in Europa
Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen des EU-Raumes plädiert bei Kongress im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentages für Auseinandersetzung mit zentralen Herausforderungen wie Geburtenrückgang, Einwanderung, Dialog mit dem Islam (Kathpress, 20.5.04)
Christen müssen ihrer Verantwortung für die Zukunft Europas gerecht werden und zentrale Herausforderungen wie Geburtenrückgang, Einwanderung, stagnierendes Wirtschaftswachstum oder Dialog mit dem Islam mitgestalten. Dieses "Plädoyer für eine christliche Politik" hielt der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen des EU-Raumes (ComECE), Diözesanbischof Josef Homeyer, am Donnerstag in Wien. "Wir sollten uns nicht scheuen, uns öffentlich, politisch einzumischen", appellierte Homeyer an die rund 250 Teilnehmer des Laienkongresses zum Thema "Christen auf dem Bauplatz Europa" im Haus der Bundeswirtschaftskammer. Ein vom Evangelium getragenes Engagement "wird Europa reich machen und Solidaritäten anstiften".
Zu dem Kongress im Rahmen des "Mitteleuropäischen Katholikentages" hatten Katholische Aktion, Katholischer Laienrat und die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände engagierte Christinnen und Christen aus ganz Mitteleuropa nach Wien eingeladen. Gäste waren auch der Linzer Bischof Maximilian Aichern, der Sekretär des Päpstlichen Laien-Rates, Bischof Josef Clemens, und als Hauptreferent Bischof
Homeyer.
In seinen Ausführungen über die "Verantwortung für die Zukunft Europas" unterstrich Bischof Homeyer, wie wichtig es sei, "dass Religion nicht weiter defensiv privatisiert und auch nicht aus der öffentlichen Verantwortung entlassen wird". Die Globalisierung löse Ängste aus, die auch in "modernen" Gesellschaften fundamentalistische oder nationalistische Gegenreaktionen bewirken, warnte Homeyer:
"Religion darf diese Reaktionen nicht ethnisch anheizen oder metaphysisch legitimieren". Dafür müsse sie aber öffentlich präsent bleiben. "Eine vollends privatisierte Religion nährt aus dumpfen Nischen und kleinbürgerlichen Vorgärten heraus den Fundamentalismus, also die Weigerung der Anerkennung des Anderen", so Homeyer wörtlich.
Es dürfe nie mehr dazu kommen, dass - wie vor 60 Jahren - "Europa in den Schreien von Auschwitz erstickt". Diese Erfahrung habe eine Reihe der bedeutendsten europäischen Politiker nach 1945 zu einer Orientierung des Politischen am christlichen Wertekanon und zum Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft auf der Basis des christlichen Menschenbildes geführt, erinnerte Homeyer.
Die Attentate vom 11. September hätten neue Fragen aufgeworfen. Vorrang vor der Alternative zwischen Religion und Säkularismus muss laut Homeyer "die in kritischem Dialog einzulösende Verpflichtung der verschiedenen europäischen Traditionsstränge auf Humanität" haben. Das Christentum sei von der Kostbarkeit des einzelnen Menschen, von der Autonomie des Individuums, überzeugt. Zugleich sei der christliche Glaube universalistisch - "Gottes Offenbarung gilt allen Menschen oder überhaupt nicht". Damit sei der christliche Glaube immer wieder Anstoß zu neuer, unteilbarer Solidarität, so der ComECE-Präsident: "Individualität und Universalität des Heils sind die Pfandmarken, die das Christentum für eine humane europäische Gesellschaft hinterlegt".
Christen müssten Auskunft geben, "welches Europa wir eigentlich wollen". Dabei gebe es eine legitime Meinungsvielfalt auch unter Christen darüber, ob Europa ein konkurrenzfähiger Wirtschaftsraum sein soll oder eine Sozialunion, ein großer Nationalstaat oder eher ein lockerer Staatenbund. Entscheidend ist laut Homeyer, die wirklich zentralen Herausforderungen für die Zukunft des europäischen Gemeinwohls anzunehmen: Das sei etwa die "demographische Implosion", die bewirke, dass es einen Sozialstaat des in Westeuropa gewohnten Umfangs nicht mehr geben werde. Auch die "gerechte Verteilung schwindenden Wachstums" sei ein "Ernstfall der gesamteuropäischen Solidarität". Homeyer rechnet damit, dass manche Hoffnungen über das Wirtschaftswachstum gerade in Osteuropa enttäuscht werden. Es gelte weiters die Balance zwischen ökonomischen Notwendigkeiten und sozialem Zusammenhalt zu finden, fokussiert etwa am Thema des arbeitsfreien Sonntags. Die Gestaltung der Immigration - auf die Europa schon aus demographischen Gründen nicht verzichten könne - werde Christen erfordern, die für Räume der Integration und Verständigung einstehen.
Konflikt Islam - Aufklärung
Eine zentrale Herausforderung sei auch die Verständigung mit dem Islam. Europa sei ein wesentlich christlich geprägter Kontinent, "nicht der Koran ist das Buch Europas, sondern die Bibel", so der Bischof. Dies anzuerkennen sei Voraussetzung eines Dialogs. Umgekehrt sei der Koran unleugbar "eine der großen Urkunden der Menschheit", es gebe eine große muslimische Geschichte in Spanien und in Südosteuropa, 12 Millionen Muslime in der EU leisteten einen erheblichen Beitrag zu Wohlstand und kulturellem Reichtum. Christen sollten den Islam zum Dialog mit der Aufklärung, vor allem zur Klärung des Verhältnisses von Religion und Staat einladen, forderte Homeyer. Nicht zwischen Christentum und Islam gebe es einen Konflikt, sondern zwischen Aufklärung bzw. Moderne und Islam.
Abschließend plädierte Homeyer für einen Gottesbezug in der zukünftigen europäischen Verfassung. Dies sei für pluralistische und säkulare Gesellschaften eine Bürgschaft gegen Totalitarismen und ein identitätsstiftendes Anknüpfen an die Vergangenheit. Der Verweis auf Gott sei aber auch "Anrufung einer anderen Zukunft Europas": "Damit meine ich vor allem den normativen Verweis auf jenen menschenrechtlichen Universalismus, von dem Europa sich selbst zu oft dispensiert hat". |