Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Mariazell: Die "schweigenden Kerzen" brennen wieder

Erinnerung an die große Solidaritätswallfahrt der Katholischen Arbeiterjugend vor 50 Jahren - Aichern: Neue Ideen entwickeln, damit Europa nicht nur ein "Wirtschaftsraum", sondern auch ein "Lebensraum"
ist (Kathpress, 20.5.04)

In Mariazell brennen wieder die "schweigenden Kerzen": Bei einem Festgottesdienst der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) mit dem österreichischen "Sozial-Bischof" Maximilian Aichern wurden am Donnerstag nachmittag in der Mariazeller Basilika wieder die "schweigenden Kerzen" von 1954 entzündet; es war zugleich der Auftakt für die "Wallfahrt der Völker". Die Geste geht auf eine Wallfahrt der Katholischen Arbeiterjugend vor 50 Jahren zurück: Am 1. Mai 1954 versammelten sich rund 7.500 Jugendliche aus ganz Österreich in Mariazell, um der verfolgten Christen jenseits des damals neuen Eisernen Vorhangs zu gedenken. In einer nächtlichen Feierstunde versprachen sie den Glaubensgeschwistern im Osten ihre Solidarität und ihr Gebet. Als Zeichen dafür stellten die
Jugendlichen neun Kerzen auf - jede ein Symbol für ein österreichisches Bundesland und zugleich für ein Land des damaligen Ostblocks. Nach dieser Nacht wurden die Kerzen gelöscht. Sie sollten erst nach der Wiedererringung der Freiheit entzündet werden, was schließlich 1990 geschah. Am Beginn des Gottesdienstes entzündeten Bischof Aichern und der Superior von Mariazell, P. Karl Schauer, acht der neun Kerzen. Nur eine Kerze bleibt weiterhin "stumm": jene für China.

Bischof Aichern unterstrich, dass die KAB auch heute Gewissen der Gesellschaft zu sein habe. Es gelte, mit den Christen der Nachbarländer gemeinsam neue Ideen zu entwickeln, damit Europa nicht nur ein "Wirtschaftsraum", sondern vielmehr auch ein "Lebensraum" sei. Konkret nannte der "Sozial-Bischof" den Einsatz gegen die Arbeitslosigkeit und für den arbeitsfreien Sonntag. Aichern: "Der arbeitsfreie Sonntag ist die Garantie dafür, dass der Mensch nicht zur Maschine degradiert wird".

Die brennenden Kerzen seien heute in neuer Weise ein Zeichen der Solidarität unter den Christen Mitteleuropas, so Aichern: "Wir Christen müssen uns über alle Grenzen hinweg den Erfordernissen des zusammen wachsenden Europas stellen". Der Bischof erinnerte auch an Kardinal Franz König, der so gerne bei dieser Feierstunde mit dabei gewesen wäre. Als damaliger "Jugend-Bischof" sei König 1954 in Mariazell unter den tausenden Jugendlichen gewesen, später habe er im Einvernehmen mit den Päpsten die Länder des Ostens besucht und so letztlich einen wichtigen Beitrag zur Befreiung geleistet.

Der KAB-Vorsitzende Bruno Holzhammer erinnerte bei dem Gottesdienst, zu dem Abordnungen aus allen Reformstaaten gekommen waren, an die Feier vor 50 Jahren. Die damalige Jugend habe trotz vieler Schwierigkeiten an eine bessere Zukunft geglaubt und sich auch dafür eingesetzt. Die Wallfahrt von 1954 sei - so Holzhammer - eine eindrucksvolle Demonstration einer in der Gesellschaft aktiven Kirche gewesen. Den damaligen Mut der Jugendlichen brauche es auch heute wieder.

Superior P. Schauer betonte die Kraft des Gebets. "Wer hätte noch Anfang 1989 gedacht, dass diese stummen Kerzen bald zum Sprechen kommen?", so Schauer wörtlich. Eine Kerze, nämlich jene für China, sei aber noch "stumm". Umso mehr brauche China auch weiterhin das Gebet aller Christen, so Schauer.


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004