Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Gläubige der Teilnehmerländer lernen voneinander

Symposion zum Thema "Gesellschaft und Wirtschaft im Umbruch" in Wels: Pastoraltheologe Zulehner: Kirche ist "antitotalitär", weil Religion den Menschen dem Zugriff totalitärer Systeme entzieht - Dubliner Erzbischof Martin: Marktwirtschaft braucht ethische Rahmenbedingungen (Kathpress, 29.1.04)

Katholiken westlich und östlich des einstigen "Eisernen Vorhangs" können voneinander lernen und sich gemeinsam konstruktiv in den europäischen Einigungsprozess einbringen: Das betonte der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner am Donnerstag beim Katholikentags-Symposion zum Thema "Gesellschaft und Wirtschaft im Umbruch - Kirchliche Mitwirkung am Zukunftsprojekt Europa" im Bildungshaus Puchberg bei Wels. In Österreich habe nach dem Hitlerfaschismus eine moderne Freiheitsgesellschaft tradierte Religiosität und Kirchlichkeit in Frage gestellt, in den östlichen Nachbarländern habe ein "kommunistischer Infarkt" die religiöse Kultur beschädigt, so Zulehner. Jetzt gelte es, die Chancen und Grenzen dieser Erfahrungen gemeinsam im neuen Europa zu verwerten.

An dem dreitägigen Symposion nehmen Vertreter aller acht am Mitteleuropäischen Katholikentag beteiligten Länder teil, darunter die Bischöfe Franjo Komarica (Bosnien), Ivan Devcic (Kroatien), Tamas Szabo (Ungarn), Frantisek Lobkowicz (Tschechien), Frantisek Rabek (Slowakei) sowie als Gastgeber der Linzer Bischof Maximilian Aichern und als Referent der Dubliner Erzbischof Diarmuid Martin.

Die Zerstörung überkommener Kirchenorganisation durch den Kommunismus und die damit verbundene gesellschaftliche Ohnmacht und Armut der Kirche führte nicht zu ihrem Ende, so lautet nach den Worten Zulehners eine der "Lektionen", die der Westen vom Osten lernen kann. Es habe sich gezeigt: Kirche regeneriert sich unter äußerem Druck von innen - "von Bibel und Altar her". Auch in Zeiten der Bedrängnis würden "Netzwerke des Glaubens" wachsen und gebe es entschiedene Christen. Freilich habe sich auch gezeigt: Die Kirche braucht "Instrumente der Einmischung", ohne sie bleibt die gesellschaftliche Präsenz der Kirchen blass. Was man vom "Osten" nicht lernen dürfe, sei die allzu starke Konzentration auf die Priester und der Hang zur "Flucht ins Ghetto".

Dennoch: Die Geschichte der heutigen Reformstaaten zeige, dass die Kirche "antitotalitär" ist, weil Religion den Menschen dem Zugriff totalitärer Systeme entzieht, betonte der Wiener Pastoraltheologe. Die manchmal als "nutzlos" eingestufte Spiritualität und Anbetung sei somit politisch brisant. Auch im Westen gibt es nach der Einschätzung Zulehners "totalitäre Versuchungen" - sei es im Konsum, in der Forschung, Medizin oder in der Verwaltung. Religion verleihe demgegenüber ein Widerstandspotenzial.

Vom "Westen" könnten die Nachbarn im "Osten" eine an die heutige Freiheitskultur gewöhnte kirchliche "Innenarchitektur" lernen, wie Zulehner sagte. Damit gemeint seien etwa das "noch nie so große" Engagement von Laien und die Einbindung von Frauen auch in Verantwortungspositionen der Kirche. Es gebe etwa durch Caritas, Orden usw. eine starke gesellschaftliche Einmischung der Kirchen. Problematisch sei umgekehrt ein "getrübtes Kirchengefühl", dass sich oft in Jammerei äußert und eine verbreitete "Selbstsäkularisierung" auch der Christen. Die pluralistische Ausrichtung der Gesellschaft mache es den Kirchen aber auch nicht leicht: Unter diesen Bedingungen freie Glaubensentscheidungen zu fördern, ist nach Meinung Zulehners noch viel schwieriger als unter politischer Verfolgung.

Aichern: Christus war und ist Hoffnung Europas

Die Länder Mitteleuropas rücken zusammen; die Kirche will Augenmerk darauf legen, dass dieser Integrationsprozess auch auf der kulturellen, sozialen und menschlichen Ebene fruchtbar vorangeht, betonte der Linzer Bischof Maximilian Aichern in seinen Eröffnungsworten zum Symposion. Die am Mitteleuropäischen Katholikentag beteiligten Länder würden sich dafür auf ihre gemeinsamen christlichen Wurzeln besinnen. Auch in den pluralistischen Gesellschaften im heutigen Europa dürfe die "christliche Seele" nicht fehlen, so der Bischof, "denn Christus war und ist die Hoffnung Europas".

Armutsbekämpfung und -vermeidung muss ein ausdrückliches Ziel der Politik sein: Diesen Anspruch formulierte der Erzbischof von Dublin und frühere Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden ("Iustitia et Pax"), Diarmuid Martin. Die Brosamen, die - wie es in der Bibel heiße - vom Tisch der Reichen fallen, seien nicht genug. Es gehe darum, "Menschen zu ermöglichen, ihre Bestimmung zu leben". Armut zu bekämpfen, sei somit eine Nagelprobe für Christen auch im zukünftigen Europa. Martin unterstrich, er sei kein Gegner der Marktwirtschaft, diese brauche jedoch einen ethischen und sozialpolitischen Rahmen, damit die Schwachen nicht unter die Räder kommen. Die Kirche solle nicht unbedingt die "Stimme der Armen" sein, so der Erzbischof; besser sei es, die Betroffenen selbst zu Wort
kommen zu lassen, ihnen Plattformen zur Verfügung zu stellen, auf denen sie Subjekte ihres eigenen Schicksals sein können.


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004