Druckansicht Wednesday 15. December 2010

EU-Erweiterung: "Gespräch und Geduld statt Veto-Keule"

Europa-Beauftragter der Bischofskonferenz kritisiert, dass immer noch ein Eiserner Vorhang durch die Herzen der Menschen geht - Ängste ernst nehmen, aber auch Information und Aufklärung verbessern (Kathpress)

Wien, 1.2.02 (KAP) Die Vorgänge rund um Temelin hätten gezeigt, dass der ehemalige Eiserne Vorhang immer noch durch die Herzen der Menschen gehe. Das betonte der Europa-Beauftragte der Österreichischen Bischofskonferenz, Diakon Franz Eckert, in einem "Radio Stephansdom"-Interview. "Die Defizite, die an die Oberfläche gekommen sind, müssen aufgearbeitet werden", so Eckert wörtlich. Dazu brauche es das gegenseitige Gespräch und Geduld, aber "nicht die Veto-Keule oder das Veto-Ass im Ärmel". Ähnliches gelte auch für die Benesch-Dekrete. Es sei logisch, dass diese nun nach Temelin im Mittelpunkt der Diskussion stünden: "Dahinter steckt eine Regie, die ich nicht billige, aber man muss dieses Unrecht ansprechen und auch lösen". Ohne Opfer und Solidarität werde die europäische Einigung nicht gelingen.

Die Kirche müsse die Ängste und Vorurteile der Menschen ernst nehmen, sie könne sich nicht zurückziehen und alles der Politik überlassen, mahnte der Europa-Beauftragte. Vielfach seien diese Ängste darauf zurückzuführen, dass es auf Grund der schnellen Entwicklung nicht genügend sachgerechte Information gegeben habe. Es sei eine der Hauptaufgaben der Kirche, so Eckert, diese Information zu verbessern und den Menschen so die Ängste zu nehmen. "Wir müssen auch immer wieder darauf hinweisen, dass wir nicht mit Tschechen oder Polen, sondern mit Brüder und Schwestern verhandeln, mit denen wir sehr nahe verwandt sind, wenn wir nur ins Wiener Telefonbuch schauen".

Große Hoffnungen setzt Eckert auch in den geplanten Mitteleuropäischen Katholikentag: "Eine solche Veranstaltung, die die Menschen zusammenführt, ist von größter Bedeutung". Kritik übte er aber daran, dass dazu Rumänien und Bulgarien nicht eingeladen worden seien. Aus diesem Grund werde es 2003 in Kleinmariazell eine eigene Veranstaltung mit Rumänien geben, kündigte Eckert an.

Sinnfindung ohne Kirchen unmöglich

Die Einstellung der Kirche zu Europa sei eindeutig, betonte der Europa-Experte und verwies auf den Papstbesuch 1998, als Johannes Paul II. von der "Europäisierung Europas" als vordringlichstem Ziel gesprochen hatte. Die Kirche habe auch bereits eine Vorreiterrolle eingenommen, da schon Vertreter aller Beitrittskandidaten Mitglieder in der Kommission der Bischofskonferenzen des EU-Raumes (ComECE) seien. Weiters habe sich bei den Institutionen der EU die Einsicht durchgesetzt, dass der anstehende Sinnfindungsprozess ohne die Kirchen nicht möglich sei. So würden maßgebliche Initiativen nicht ohne vorherige Stellungnahmen der Kirchen durchgeführt, unterstrich Eckert.

Zur Frage, ob Europa ein "christliches" Vorhaben sei, meinte Eckert, dass in keinem anderen Teil der Welt das christliche Menschenbild derart umfassend verwirklicht werde wie in der EU. Er verwies dabei auf die Einhaltung der Menschenrechte, die gut ausgebauten Sozialsysteme, Sicherheitsstandards und die ausgeprägte Demokratie. Auch für die ärmsten Länder der Welt würde die Europäische Union weit höhere Beiträge zur Verfügung stellen als anderen Staaten. Eckert: "Europa ist solange ein christliches Vorhaben, solange die Christen selbst es nicht aufgeben". (Ende)


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004