Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Kirchen müssen wieder "erste Adresse" für die "Suchenden" werden

Pastoraltheologe Zulehner verweist bei Österreichischer Pastoraltagung in Salzburg auf neue Trends in einer städtischen Avantgarde. (Kathpress, 9.1.03)

Die christlichen Kirchen müssen sich bemühen, wieder die "erste Andresse" für die zunehmende Zahl an "spirituell Suchenden" in Europa zu werden. Dies betonte der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul M. Zulehner am Freitag bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg. Es gebe - vor allem bei einer städtischen Avantgarde - eine neue spirituelle "Suchbewegung".
Diesen Menschen gehe es aber um ein "erfahrbares Eintauchen in Gott", weniger um eine "argumentative Gottesrede". Eine Antwort auf diese Suche wäre die "Spiritualisierung der Kirche" nach Jahren der "Selbstsäkulariserung".

Das heutige Lebensgefühl sei längst nicht mehr vom Freiheitsdrang der späten sechziger Jahre geprägt, als Institutionen, Normen und Autoritäten als verwerflich galten, unterstrich Zulehner. Immer mehr Menschen wollten wegen einer zunehmenden Unübersichtlichkeit "die Last der Freiheit" - politisch wie religiös - wieder loswerden. Die große Gefahr für die Freiheit drohe heute nicht mehr von "repressiven
Institutionen", sondern von der "depressiven Einsamkeit".

Die zunehmende "Freiheits-Enttäuschung" habe auch damit zu tun, dass die Lebensrisken zunehmend "privatisiert" würden, was viele Menschen "überfordert". In den Ländern Ostmitteleuropas habe sich nach der politischen "Wende" sogar eine "Kommunismus-Nostalgie" breit gemacht, da den bedrängten Menschen "Brot wichtiger als Freiheit ist". Auch in den anderen Ländern Europas, wo die Folgen der Industrialisierung mit dem Ausbau des Sozialstaates beantwortet wurden, stelle sich nach dem Siegeszug eines zunehmend "deregulierten" Kapitalismus eine neue soziale Frage, weil immer mehr Menschen "überflüssig" und "entsorgt" werden, betonte der Pastoraltheologe.

In Gefahr, "überflüssig" zu werden, seien all jene, die in einer Erwerbsgesellschaft nicht erwerbstätig sind, die in einer Konsum-Gesellschaft nicht kaufen, die in einer Erlebnisgesellschaft nicht erleben, die in einer Wissensgesellschaft zu wenig wissen oder die in einer Biowissenschafts-Gesellschaft "nicht die richtigen Gene" haben. Am gefährdetsten - so Zulehner - seien die Sterbenden, die Behinderten, die Langzeitarbeitslosen und die Kinder.

Zugleich habe sich ein praktischer "Atheismus" entwickelt, der mit Lebenshast, Überforderung, einer Angst, zu kurz zu kommen und mit Entsolidarisierung verbunden ist. Weil ein solches Leben nicht zufrieden stellt, flüchteten viele ins gespielte Leben des TV, in psychosomatische Krankheiten, in Alkohol und Drogen, in "sektoide Sonderwelten" und in die entlastende "Wellness-Spiritualität".

Europa braucht Familienpolitik und Migration

Paloma Fernandez de la Hoz von der Katholischen Sozialakademie Österreichs wies auf folgenschwere Entwicklungen am "Bauplatz Europa" hin: Durch die Überalterung der Bevölkerung und den Mangel an Kindern werde sich die Frage nach Finanzierung der sozialen Systeme dramatisch zuspitzen. Zudem drohten Probleme wie Vereinsamung und Pflegenotstand. Migration sei neben einer nachhaltigen Änderung der Familienpolitik die derzeit einzige Möglichkeit, mittelfristig diese Entwicklung zu stoppen.

Auch angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit in Europa forderte die Sozialexpertin ein Umdenken. Die gesellschaftliche Integration sollte nicht mehr alleine auf dem Faktor Arbeit beruhen. Es brauche
"ergänzende Konzepte" der Integration und der sozialen Absicherung. Für Kirchen und NGOs bestehe eine Herausforderung auf dem "Bauplatz Europa" darin, klarzustellen, dass "Armut immer konkrete Gesichter habe". Eine dringende Aufgabe sieht Fernandez de la Hoz in der Migrationsfrage und der Frage nach dem Umgang mit Minderheiten in Europa. Europa sei immer ein "Traum von gegenseitiger kultureller Bereicherung" gewesen. Diese Sicht gelte es, besonders zu betonen, damit Europa mehr wird als ein bloßes "fettes Geschäft".


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004