Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Kirche: Brückenfunktion statt "Nabelbeschau"

Kardinal Schönborn nahm bei Aschermittwoch-Begegnung mit Chefredakteuren auch zu Benes-Dekreten Stellung: "Es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen" (Kathpress)

Wien, 13.2.02 (KAP) Für ein Ende der kirchlichen "Nabelbeschau" in Österreich und ein stärkeres kirchliches Engagement in den Fragen EU-Erweiterung, interreligiöser Dialog (vor allem mit dem Islam) und globale Gerechtigkeit hat sich der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn ausgesprochen. Bei einer Aschermittwoch-Begegnung mit Chefredakteuren im Wiener "Club Stephansplatz 4" warnte Schönborn davor, Länder wie den Iran durch generalisierende Aussagen wie "Achse des Bösen" vor "den Kopf zu stoßen".

Österreich und die katholische Kirche des Landes sollten in europäischen und globalen Fragen eine Brückenfunktion wahrnehmen, so Kardinal Schönborn. Er wies auf die "Schienen" hin, auf denen die Kirche von der "Drehscheibe" Wien aus wirken könne: Islam-Dialog via Religionstheologisches Institut St. Gabriel; Ostkirchen-Ökumene via Stiftung "Pro Oriente"; "Mitteleuropa-Vernetzung" der Bischofskonferenzen Österreichs und seiner östlichen und südöstlichen Nachbarländer mit Blick auf einen "Mitteleuropäischen Katholikentag" 2004; Kontakt zum Europäischen Jüdischen Kongress, an dessen Kongress über Judentum und Kirche in Paris Schönborn als "Mitteleuropa-Vertreter" teilnahm; Einbringen kirchlicher Anliegen in den Konvent zur EU-Verfassung; schließlich eine "Westinitiative": eine vernetzte "Stadtmission" der vier Metropolen Wien, Paris, Brüssel und Lissabon im Jahr 2003.

Schönborn verwies darauf, dass EU-Kommissar Franz Fischler jetzt einer der drei Präsidenten von "Pro Oriente" ist: "Er symbolisiert auch das große Interesse, dass in Brüssel an der Frage 'Religion in Europa' im allgemeinen und 'Christen in Europa' besteht". EU-Kommissionspräsident Romano Prodi habe in Gesprächen mehrfach betont, dass "Europa seine religiösen Wurzeln nicht vergessen darf". Prodi wolle aber auch die Stärkung der religiösen Brückenfunktion Wiens, weshalb er selbst die Bundeshauptstadt als Ort seines Treffens mit dem serbisch-orthodoxen Patriarchen Pavle im Oktober 2000 vorgeschlagen hatte.

Benes-Dekrete unhaltbar, aber Neuanfang machen

Grundsätzlich gelte es - so Schönborn - im Verhältnis mit den historischen Nachbarn Österreichs zu zeigen, "dass wir nicht nur miteinander können, sondern miteinander wollen". Belastungen aus der Geschichte - etwa die Benes-Dekrete - müssten gemeinsam aufgearbeitet werden. Das Verhältnis zwischen österreichischen und tschechischen Bischöfen sei so gut, dass er glaube, dass gemeinsame Initiativen erfolgen könnten, sagte der Kardinal.

Dabei präsentierte Schönborn auch seine "ganz persönliche Sicht" als Heimatvertriebener aus der heutigen Tschechischen Republik, dessen Großmutter trotz "rassischer" Einstufung als "Halbjüdin" in einem tschechischen KZ als "Sudetendeutsche" starb: "Die Dekrete sind menschenrechtlich unhaltbar. Auch wenn sie zu einem Teil durch die damalige Situation bedingt waren, können sie heute keinerlei Zustimmung finden. Die andere Seite ist aber: Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?"

Der Kardinal plädierte für eine Aufarbeitung, die schmerzhaft sein werde, weil man sich der Geschichte stelle. Aber es


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004