Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Europa: "Wege der Versöhnung" sind erstes Anliegen der Kirche

Kardinal Schönborn diskutierte mit Jugendlichen aus Polen, Tschechien, Ungarn und Österreich an der Vienna Business School (Kathpress, 20.6.03)

Kardinal Christoph Schönborn hat es im Blick auf Europa als erstes Anliegen der Kirche bezeichnet, "Wege der Versöhnung" zu suchen und zu beschreiten. Zur polnisch-deutschen Versöhnung hätten Christen wie der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski maßgeblich beigetragen, weitere Brückenschläge seien etwa beim Verhältnis zwischen Österreich und Tschechien oder Kroatien und Slowenien notwendig. Der Wiener Erzbischof war Teilnehmer eines Podiumsgesprächs im Rahmen einer internationalen "Jugendkonferenz" in der Vienna Business School (Handelsakademie I), unter dem Motto "Christliche Werte in der EU". Mit dem Wiener Erzbischof diskutierten Prof. Bartoszewski, der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul M. Zulehner und die Leiterin des
Schulamts der Erzdiözese Wien, Hofrat Christine Mann.

Kardinal Schönborn unterstrich vor den polnischen, tschechischen, ungarischen und österreichischen Jugendlichen den festen Willen der Kirche, "am Bauplatz Europa mitzubauen". Europa sei auf drei Hügeln und damit zusammen hängenden Wertsystemen erbaut worden, wie Schönborn sagte: auf dem Kapitol in Rom und dem römischen Recht, auf der Akropolis in Athen und der griechischen Philosophie sowie auf Golgota in Jerusalem und dem Christentum. Christliche Werte hätten den Kontinent bis in die Gegenwart maßgeblich geprägt, sagte der Wiener Erzbischof unter Hinweis auf die christlich inspirierten Kunstdenkmäler in ganz Europa sowie auf die Gründergestalten der Europäischen Gemeinschaft in der Nachkriegszeit. Auch bei der politischen "Wende" von 1989 müsse an erster Stelle der Beitrag von Papst Johannes Paul II. gesehen werden, "ohne den wir jetzt nicht so weit wären".

Auf die Frage, ob er mit dem Entwurf für eine europäische Verfassung, in deren Präambel nun Gott nicht ausdrücklich genannt werden soll, zufrieden sei, antwortete Schönborn, in der Politik gehe es immer um das Finden von Kompromissen. Zufrieden sei er jedenfalls mit der Aufnahme von Artikel 51, der den Kirchen Rechte garantiert und wo seitens der EU der Wille nach einem offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften betont wird.

Bartoszewski: Kritik an Referendum-Verweigerern

Wladyslaw Bartoszewski nahm kritisch zum jüngsten polnischen Referendum Stellung, in dem sich mehr als 70 Prozent der für den EU-Beitritt ausgesprochen hatten. Auch wenn bei Referenden in Polen zuletzt nie die für die Gültigkeit des Votums erforderlichen 50 Prozent erreicht worden seien und jetzt 58 Prozent zur Abstimmung gingen, sei die Beteiligung aus christlicher Sicht doch etwas enttäuschend: Immerhin hätten die 12 Millionen Verweigerer bei einer zentralen Zukunftsfrage Polens Gleichgültigkeit gezeigt, weitere vier Millionen hätten mit Nein gestimmt. Der Pro-EU-Aufruf des Papstes kurz vor dem Referendum hatte nach Einschätzung Bartoszewskis dennoch einen großen Mobilisierungseffekt.

"Die Jugend hat mit Europa viel weniger Probleme als die Älteren", sagte Schulamtsleiterin Christine Mann bei der Podiumsdiskussion.
Angesprochen auf den Ethikunterricht, der in manchen Schulen jetzt als Alternative zum Religionsunterricht angeboten wird, sagte Mann, es sei nicht verwunderlich, dass ein pluralistischer Staat auch Wert auf eine entsprechende Werterziehung in der Schule legt. Ihrer Überzeugung nach lasse der Ethikunterricht "viele Fragen offen" und werde "nie das leisten können, was der konfessionelle
Religionsunterricht leistet".

Als "Versuch eines großen Freiheitsprojektes" beschrieb Prof. Zulehner Europa. Er erinnerte an einen Ausspruch des Dominikaners Henri Lacordaire im 19. Jahrhundert, demzufolge der Freiheit immer Gerechtigkeit abzuringen sei. Diese Tugend gewinnt laut Zulehner immer mehr an Bedeutung, gerade in der gegenwärtigen Situation der EU-Erweiterung. Früher wirtschaftlich schwache Gebiete wie Irland, Portugal oder in Österreich das Burgenland hätten vom Anspruch der EU auf Verteilungsgerechtigkeit deutlich profitiert. Auch in Richtung Osten müsse es zu einem Ausgleich kommen, denn: "Ohne Gerechtigkeit ist langfristig kein Friede möglich".

In einer Analyse der "religiösen Landkarte Europas" sagte Zulehner, die religiös-weltanschauliche Vielfalt sei ein großer Reichtum für den Kontinent. Den höchsten Prozentsatz von "Intensivchristen" mit hoher inhaltlicher und institutioneller Glaubensbindung gibt es laut dem Wiener Pastoraltheologen und Werteforscher in Irland, Polen, Rumänien und Malta, das "überhaupt das christlichste Land Europas" sei. Religiös unterdurchschnittliche Gegenpole seien u.a. Frankreich, Großbritannien, Russland, Tschechien und die skandinavischen Länder.

Durch die Aufnahme orthodox mitgeprägter Staaten in die EU bzw. durch die Öffnung nach Osten gewinne die Orthodoxie viel Gewicht in Europa, sagte Zulehner. Eine Stärke des orthodox geprägten Christentums sei es, dem Menschen "den Himmel offen zu halten": Orthodoxe Liturgien seien "Inszenierungen des Himmels auf Erden", hier werde erlebbar, dass sich der Mensch nicht in seinem irdischen Leben erschöpft. Die Kehrseite davon sei das geringe Interesse an sozialen Themen, für die wiederum die katholische Kirche besonders sensibel sei: Erst im vergangenen Jahr habe etwa die russisch-orthodoxe Kirche erstmals ein Sozialdokument ausgearbeitet, so Zulehner.

Die Schatten des "Alltagsatheismus"

Jede religiöse Tradition könne Europa viel geben, betonte Zulehner. Und alle Religionsgemeinschaften hätten heute mit einem weit verbreiteten Phänomen zu kämpfen, nämlich dem "Alltagsatheismus" mit seinem Wunsch nach "maximalem Glück in minimaler Zeit". Das führe zu einem hastigen, von hohen Anforderungen und Druck geprägten Leben. Getrübt werde es durch die Angst, zu kurz zu kommen, die laut Zulehner wiederum ein großes Hemmnis für Solidarität ist. Die Folge dieses von Alltagsatheismus geprägten Lebens sei Flucht - in Alkohol, Drogen, virtuelle Welten, psychosomatische Krankheiten, Selbstmord.

Die Religion könne eine Alternative zu dieser Art des Lebens aufzeigen und dadurch "ein Segen sein", unterstrich Zulehner. Es gelte das Evangelium zu leben und gleichzeitig wachsam zu sein überall dort, wo Religion zum Schaden des Menschen missbraucht wird.


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004