Druckansicht Wednesday 15. December 2010

Schwerpunktthema "Soziale Verantwortung" beim Symposium in Puchberg

P. Alois Riedlsperger von der Katholischen Sozialakademie Österreichs umriß am Donnerstag Nachmittag "Perspektiven der Sozialverkündigung", Prof. Johan Verstraeten vom "Centre for Ethics" an der Universität Löwen widmete sich anschließend den "Perspektiven der Sozialethik". Konkrete Handlungsfelder für das soziale Wirken der Kirche beleuchteten Fachleute aus verschiedenen Bereichen am Freitagvormittag (Kathpress 30.1.03)

Aichern: Freier Sonntag bildet Solidaritätsgrundlage der Gesellschaft

Den Wert des arbeisfreien Sonntags für die gesamte Gesellschaft hat der Linzer Bischof Maximilian Aichern beim Katholikentags-Symposions zum Thema "Gesellschaft und Wirtschaft im Umbruch" in Wels unterstrichen: "Der Sonntag verhindert, dass unser Leben zu einer 'gleitenden Arbeitszeit' und zu einer lückenlosen Einkaufszeit wird". Wer am Sonntag rüttelt, bewirke, dass die Solidaritätsgrundlagen der Gesellschaft auf dem Spiel stehen. "Wenn Familien, Haushalte, Gruppen und Gemeinschaften systematisch überfordert werden, versiegen ihre Quellen", warnte Aichern. Darunter würde nicht nur der soziale Zusammenhalt leiden, sondern auch die wirtschaftliche Leistungskraft und die politische Integration.
Aichern betonte, dass das Engagement der Kirche nicht darauf beruhe, dass sie "eigene Pfründen sichern" will, es gehe vielmehr um das Wohl und Glück der Menschen. Der Bischof wies darauf hin, dass er sich in dieser Frage der Zustimmung von drei Viertel der Bevölkerung sicher sein kann: So viele befürworteten die Beibehaltung des Sonntags als gemeinsamen arbeitsfreien Tag - unabhängig von ihrer religiösen Einstellung.

Der Linzer Bischof und Proponent der österreichweiten "Allianz für den freien Sonntag" wies darauf hin, dass die Sieben-Tage-Woche einer der ältesten Lebensrhythmen der Menschheit sei. Das grundlegende 3. Gebot aus dem Alten Testament sei "wohl das älteste Sozialgesetz der Menschheit". Im Vordergrund stehe zuerst ein sozialer Aspekt, nämlich die Erholung. Dazu sei ein religiöses Motiv als Begründung gekommen: Die Heiligung des Sabbat durch Gott. Seit Kaiser Konstantin gebe es den Sonntag als öffentlich anerkannten arbeitsfreien Tag. Würde diese Tradition ausgehöhlt, wäre dies nach den Worten Aicherns gleich bedeutend mit fortwährendem Stress und Fremdbestimmung.

Interessenausgleich durch Sozialpartnerschaft

"Kooperative Modelle des Interessenausgleichs und der Sozialpartnerschaft" standen im Mittelpunkt der Statements von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl und ÖGB-Präsident Fritz Verzetnisch im Rahmen des Katholikentags-Symposions. Angesichts der gegenwärtigen Umbrüche z.B. durch die Globalisierung oder durch neue Technologien müsse ein kleines Land wie Österreich weiterhin seine Kräfte bündeln. Die Sozialpartnerschaft stehe für eine bewährte Tradition, die Menschen zusammenzuführen und nicht zu polarisieren. Österreich habe gerade in der jetzigen Situation der EU-Erweiterung die Chance, an seine historischen Wurzeln gegenüber den Nachbarstaaten anzuknüpfen und solidarisches Denken in die "Wertegemeinschaft" Europa einzubringen.

Zur Frage des arbeitsfreien Sonntags betonte der Wirtschaftskammer-Präsident, er unterstütze die Bemühungen von Bischof Aichern "voll und ganz". Er schätze die Sonntagsruhe, die er "ganz traditionell" im familiären Kreis verbringe, überaus als Ausgleich.

Als "Modell der Kontinuität im Wandel" bezeichnete ÖGB-Präsident Verzetnisch die österreichische Sozialpartnerschaft. Die Bezeichnung "Nebenregierung" sei ebenso falsch wie die Vorstellung einer "Just-in-time"-Organisation, die immer da sein soll, wenn man sie braucht, aber sonst nicht im Weg stehen soll. In Österreich seien große Erfolge dieses Interessenausgleiches zu verzeichnen. Neben den manchmal durchaus konfliktträchtigen Verhandlungen auf höchster Ebene braucht es laut Verzetnitsch auch eine funktionierende betriebliche Ebene der Sozialpartnerschaft. "Ein kooperatives Modell funktioniert nur dann, wenn es auch Menschen gibt, die danach handeln", schloss Verzetnitsch.

Glaube verlangt nach sozialer Verantwortung

Glaube ist nicht nur eine Sache der Innerlichkeit, er verlangt auch nach sozialer Verantwortung: Das unterstrich der Leiter der Katholischen Sozialakademie (ksoe), P. Alois Riedlsperger, in seinen Ausführungen über "Perspektiven der Sozialverkündigung". Sozialverkündigung sei die Übersetzung des Glaubens in eine bestimmte Situation hinein: "Sie steht in der Tradition der Propheten Israels und der Bergpredigt Jesu" und gehe vom Bild eines Gottes aus, "der diese Welt leidenschaftlich liebt und für Gerechtigkeit eintritt". Vor dem Hintergrund dieser Überlieferung steht die Kirche laut Riedlsperger immer wieder vor selbstkritischen Fragen: Weckt Glaube Fantasie und die Bereitschaft zum politischen Engagement oder ist er zur bürgerlichen Religion geworden, "angepasst, bequem, ungefährlich". Zugleich hob der ksoe-Direktor hervor, dass die eigene soziale Praxis der Kirchen die Glaubwürdigkeit im gesamtgesellschaftlichen Engagement bestimmt.

Riedlsperger skizzierte an den Beispielen des Sozialhirtenbriefes der katholischen Bischöfe von 1990 und dem ökumenischen Sozialwort von 2003, wie die Sozialverkündigung in Österreich konkret wurde: Als besonders innovativ hob er dabei die beiden Texten vorangegangene Erarbeitungsphase mit jeweils breiten öffentlichen Diskussionen hervor. Die Kirche müsse sich immer wieder - als Beispiel nannte Riedlsperger die Asylpolitik - auch der Kritik von außen aussetzen und das Risiko "nicht immer unfehlbarer" Beiträge eingehen. Viel schlechter sei es, zu Missständen zu schweigen. Zur aktuellen Debatte über Steuerpolitik meinte der katholische Sozialwissenschaftler, sie müsse einen leistungsfähigen Sozialstaat ermöglichen: "Ein schlanker Staat ist kein Selbstzweck".

Ein pessimistisches Bild einer europäischen Gesellschaft, in der Relativismus der höchste Wert ist und Zynismus als "Lachen über die Wahrheit" unter Intellektuellen verbreitet sei, zeichnete der belgische Sozialethiker Prof. Johan Verstraeten (Löwen) in seinem Vortrag. Er sprach wörtlich von einer kulturell einebnenden "Cocacolonisierung" der Welt und beklagte einen "Emotivismus", der moralische und ethische Auffassungen als rein subjektive Vorlieben deutet. Vom Geist der christlich geprägten Gründerväter der Europäischen Union, die Staaten wirtschaftlich so verweben wollten, dass aus ehemaligen Feinden dauerhaft Freunde werden, sei nicht viel geblieben, so Verstraeten.

Dennoch stehe christliche Ethik nicht auf verlorenem Posten, sofern sie ihren Standpunkt mit rationalen Argumenten in den öffentlichen Diskurs einbringt. Auch Subsidiarität sei als eine der tragenden Säulen der katholischen Soziallehre maßgeblich in die EU-Philosophie eingeflossen, "weil sie vernünftig ist". Zugleich sollten Visionen einer wünschenswerten Entwicklung formuliert werden, um im Sinne des Märtyrer-Erzbischofs Romero "Propheten für eine Zukunft sein, die nicht unsere eigene ist".

Politik "muss mehr sein als Management"

Die obersten Prinzipien der Europäischen Union und die christliche Botschaft decken sich im Kern: Beide wollen Frieden für die Menschen auf Erden. Das sagte der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer beim abschließenden Empfang im Oberösterreichischen Landhaus. Die Politik brauche religiös orientierte Menschen für ihre Werte und Zielvorstellungen, so wie auch die Gründungsväter der EU christlich ausgerichtet waren. Politik müsse mehr sein als Management, ohne Prinzipien sei Politik nichts als "geistige Heimatlosigkeit".

Pühringer forderte die Kirche dazu auf, eine aktive politische Rolle abseits von Parteipolitik zu übernehmen und eine "gesellschaftspolitische Wächterfunktion" auszuüben. Der Landeshauptmann betonte, dass Österreich und seine Nachbarländer im Osten eine gemeinsame Verwurzelung im Christentum und Humanismus verbinde. Vielerorts rege sich der "Ungeist des Nationalismus" als Reaktion auf das kommunistische Joch. "Hier ist die Kirche gefordert", sagte Pühringer. Katholisch sein im besten Sinn des Wortes bedeute, offen und grenzüberschreitend zu wirken. Pühringer würdigte den Mitteleuropäischen Katholikentag, durch den die Kirche am Vorabend der EU-Erweiterung eine Vorreiterrolle einnehme.

Christentum und Wirtschaft würden oft als Widerspruch gesehen, dies sei jedoch letztlich eine dualistische Sicht der Welt und somit falsch, betonte Prälat Wilhelm Neuwirth vom Stift St. Florian bei dem Empfang. Er sprach sich für eine Kirche aus, die in und nicht neben der Welt wirkt. Echtes Aggiornamento im Sinne von "Das Evangelium so verkünden, dass es auch heute verstanden werden kann" solle es auch im Bereich der Wirtschaft geben. Die Diözese Linz bemühe sich um Brückenschläge zur Wirtschaft durch das "Forum Christ und Wirtschaft" und die "Plattform Kirche und Wirtschaft", so Neuwirth.


© Mitteleuropäischer Katholikentag 2004