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"Kirche soll noch schärfer Nein zum Neoliberalismus sagen"

Katholikentags-Tagung in St. Gabriel zur Entwicklungspolitik - Bischof Labayen: Neokapitalismus produziert gegen das Evangelium gerichtete Werte - Sozialethikerin Gabriel: Begrenztheit der Ressourcen mache zudem eine Universalisierung des derzeitigen westlichen Lebensstils unmöglich (Kathpress, 27.10.03)

Eine Aussöhnung der Kirche mit dem neoliberalen Kapitalismus, wie sie etwa von prominenten "Vordenkern" in den USA versucht wird, kann nicht gelingen: Das war der Tenor einer Tagung des Mitteleuropäischen Katholikentags (MEKT) über "Kirche und Weltverantwortung", an der auch die österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner teilnahm. Tagungsort war das Bildungshaus der Steyler Missionare in St. Gabriel bei Mödling. Veranstalter waren die Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Mission und internationale Entwicklung (KOO), die Katholische Aktion Österreich und die Superiorenkonferenz.

Weil die neokapitalistische Wirtschaftsordnung auf eine Ausweitung der Bedürfnisse und nicht eine Beschränkung ziele, wecke sie Gier, die wiederum von allen Religionen "als Grundübel des menschlichen
Zusammenlebens" angesehen werde, betonte die Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel. Die Begrenztheit der Ressourcen mache zudem eine Universalisierung des derzeitigen westlichen Lebensstils
unmöglich. In diesem Dilemma befinde sich die Welt heute.

Der philippinische Bischof Julio Labayen sprach von der "größten existierenden Herausforderung für die Kirche". Denn der neoliberale Kapitalismus produziere gegen das Evangelium gerichtete Werte wie Individualismus, Materialismus und Hedonismus. Diese Werte hätten sich heute überallhin Zugang verschafft - selbst in die Herzen junger Menschen aus der "Kirche der Armen", so Labayen.

Prof. Gabriel sprach von einer "Ideologie, die auf eine Zerstörung des Gewissens und damit der Persönlichkeit abzielt". Sie verglich die innerliche Zerstörung mit den Auswirkungen der NS-Ideologie, wie sie etwa im Andre-Heller-Film über Hitlers Sekretärin Traudl Junge gut sichtbar geworden seien. "Den durch die Ideologien aufgebauten Mauern in den Köpfen entspricht somit eine Verwirrung in den Herzen. Dazu kommen gegenwärtige Tendenzen einer Kultur des Egoismus", so die Sozialethikerin.

Für die Kirche habe sich allerdings eine "peinliche Situation" eingestellt, weil man ihr die Kompetenz abspreche, so Gabriel: "Das Problem ist nicht nur, dass wir ohnmächtig sind, eigene Vorstellungen durchzusetzen, sondern noch mehr, dass es an einem alternativen Instrumentarium fehlt, um die Annahmen und Vorentscheidungen der gegenwärtig dominanten ökonomischen Theorie effektiv zu kritisieren".
Dieses Defizit sei durch das Scheitern des Marxismus auf ökonomischer Ebene noch größer geworden. Denn die praktische Widerlegung des Marxismus habe auch zu einer weithin negativen Bewertung aller jener Bemühungen geführt, die soziale Gerechtigkeit nicht als Produkt des Marktes betrachten. Die Kirchen sollten dennoch aus ihrem Glauben heraus "viel stärker, als dies bisher geschehen ist", die Unhaltbarkeit der Situation anprangern, so Gabriel.

Aufgabe der Kirche sei nicht nur die Kritik ungerechter Strukturen, sondern ebenso die Förderung der zwischenmenschlichen Kooperation, die ihr Zentrum in der Begegnung und Mitteilung habe, betonte die Theologin und Sozialethikerin. Diese Kooperation sei auch die Grundlage von Strukturreformen, was bereits von EU-Gründungsvater Jean Monnet erkannt worden sei.

Der Entwicklungshilfe-Pionier Hans Bürstmayr zeigte auf, dass die Brisanz der Probleme von engagierten katholischen Laien schon in den fünfziger Jahren erkannt worden sei. Damals habe in Österreich das begonnen, "was wir heute Entwicklungszusammenarbeit, internationale Solidarität und Entwicklungspolitik nennen". Kirchliche Organisationen hätten sehr erfolgreich Sammelaktionen gegen den "Hunger in der Welt" gestartet. Die Katholische Jungschar habe mit dem "Sternsingen" die größte österreichische Sammelaktion für Mission und Entwicklungshilfe eingeführt. Die Katholische Frauenbewegung habe den "Familienfasttag" begonnen, die Katholische Männerbewegung die Aktion "Bruder in Not", die Katholische Landjugend den ersten Freiwilligendienst für die Mitarbeit in Entwicklungsländern.

Vor 40 Jahren sei die KOO gegründet worden, erinnerte Bürstmayr: "Heute hat sie 24 Mitglieder, die sowohl aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit als auch der Mission und der Humanitären Hilfe kommen. Die KOO ist damit die einzige kirchliche Dachorganisation in Europa, die das Spektrum der Nord-Süd-Zusammenarbeit in dieser Breite aufweist".

Die Mitgliedsorganisationen der KOO hätten im vergangenen Jahr mehr als 80 Millionen Euro für ihre Arbeit in den Ländern des "Südens" eingesetzt, berichtete Bürstmayr. 80 Prozent davon stammten aus eigenen Sammlungen. Der Rest bestehe aus öffentlichen Mitteln, vor allem des österreichischen Staates und der EU. Projekte in 120 Ländern hätten damit unterstützt werden können. Sehr wichtig sei aber auch, dass in Österreich eine umfassende entwicklungspolitische Bildungsarbeit sowie Anwaltschaft finanziert wurde.

Einen Kurzbericht der Tagung finden Sie hier.

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