Ein neuer Aufbruch so wie zur Zeit Fürst Rastislavs
In Velehrad wurden am Wochenende im Rahmen der Nationalwallfahrt der Mitteleuropäische Katholikentag und danach die Plenarversammlung der Synode der katholischen Kirche des Landes eröffnet - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Wolfgang Bahr, 7.7.03
Von Wien nach Velehrad sind es nur 150 Kilometer, und kein Gebirge stellt sich einem bei der Fahrt marchaufwärts in den Weg. Auch von Polen gelangt man über die Wasserscheide zwischen Ostsee und Schwarzem Meer mühelos in das sanfte Hügelland rund um das einstige Zisterzienserkloster.
Zugleich liegt Velehrad an einer Bruchlinie zwischen Ost und West: Hier verlief ein Jahrtausend lang die Grenze des Heiligen Römischen Reiches, und vom Zweiten Rom, von Konstantinopel, wurden im 9. Jahrhundert die beiden Brüder Cyrill und Method hierher gesandt, um auf Ersuchen des großmährischen Fürsten Rastislav in slawischer Sprache zu missionieren und damit der Evangelisierung aus dem lateinischen Westen Einhalt zu gebieten.
Das Grab Methods hat man nie gefunden. Doch vor allem im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde Velehrad zum Symbol für die Einheit aller Slawen, die auch auf kirchlichem Gebiet herbeigesehnt wurde. Auf die Cyrill-und-Method-Tradition berufen sich im heutigen Tschechien sowohl die Kirchen der Reformation als auch die Orthodoxie. Und innerhalb der katholischen Kirche sind sich in diesem Punkt die Bischöfe und die Erben der einstigen Untergrundkirche einig.
Panslawismus und politischer Katholizismus Spuren der Bemühungen um die Einheit aller Slawen und Christen findet man in Velehrad auf Schritt und Tritt. Die Plenarversammlung der tschechischen Nationalsynode tagt im "Slawischen Saal", an dessen Wänden kleine Fresken die Bezugspunkte des Ortes zeigen: Rom mit dem Vatikan, Saloniki, von wo die Slawenapostel einst aufgebrochen waren, Nitra, Lemberg (Lwiw), Brünn (Brno), Zagreb, Moskau mit dem Kreml, Prag, aber auch Wien. Der Olmützer Erzbischof Antonin Cyril Stojan, der in Velehrad begraben ist und für den ein Seligsprechungsprozess läuft, war nicht nur die treibende Kraft hinter den Velehrader Unionsbestrebungen zwischen Ost- und Westkirche, sondern auch Abgeordneter zum österreichischen und später zum tschechoslowakischen Parlament. Kaum jemand denkt heute noch daran, wie stark an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert - auch als Gegenbewegung gegen die "alldeutsche" Agitation - die "panslawische" Gefühlsbewegung war. In Velehrad begraben liegt auch der Gründer der Tschechischen Volkspartei, Jan Sramek.
Nicht nur die katholische Kirche, auch die Volkspartei hat rund um Velehrad, im Zliner Kreis, ihre Hausmacht in der Tschechischen Republik. Der derzeitige Vorsitzende dieser kleinen christdemokratischen Partei, Cyril Svoboda, ist denn auch auf der Nationalwallfahrt ein gern gesehener Gast. Auf ihn als Vizepremier in der sozialdemokratisch dominierten Prager Koalitionsregierung richten sich alle Hoffnungen der Kirche, die auch vierzehn Jahre nach der samtenen Revolution" auf eine zufrieden stellende Regelung der Restitution ihrer Güter, des Religionsunterrichts, ihrer Rechtsstellung im Bereich der Caritas und vieler anderer Fragen wartet.
Als Außenminister hat Svoboda seine Amtskollegen aus den Teilnehmerländern des Mitteleuropäischen Katholikentags zu einem Treffen im nahe gelegenen Schloss Buchlowitz geladen. Befragt nach seinem persönlichen Bezug zu Velehrad, verweist er auf seinen Vornamen Cyril, aber auch darauf, dass Cyrill und Method von Papst Johannes Paul II. zu Mitpatronen Europas erklärt worden seien. Konziliare ErneuerungDer Diözesanbischof von Ostrau-Troppau (Ostrava-Opava), Frantisek Lobkowicz, hat all diesen Gründen noch weitere hinzuzufügen, warum die Plenarversammlung der Synode und die Eröffnung des Mitteleuropäischen Katholikentags nur hier stattfinden könne: So sei in Velehrad im "Prager Frühling" des Jahres 1968 das "Werk der konziliaren Erneuerung" gegründet worden. Die hier abgehaltenen Feierlichkeiten zum 1.100. Todestag des Heiligen Method im Jahre 1985 hätten das Ende der kommunistischen Unterdrückung eingeläutet. Und seit einem Jahrzehnt trete die Bischofskonferenz hier alljährlich zu einer Vollversammlung zusammen.
Die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse sei zentrales Anliegen der Plenarversammlung der Synode. Die zuvor nur im Samisdat erschienenen Konzilsdokumente seien in Tschechien ja erst in den neunziger Jahren allgemein zugänglich geworden.
Auch wenn viele Fragen wie etwa die Neuordnung der Pfarrstruktur zur Lösung anstehen, hat man sich bewusst Zeit gelassen: 700 Arbeitskreise haben sechs Jahre lang, ausgehend von der Heiligen Schrift und der Lehre der Kirche, eine solide Basis für die Plenarversammlung geschaffen, der sämtliche Bischöfe, General- und Bischofsvikare angehören, aber auch die Dekane der Theologischen Fakultäten, Vertreter der Ordensgemeinschaften und als Berater ausgewählte Experten auf einzelnen Fachgebieten.
"Die Hoffnungen sind sehr verschieden", sieht Bischof Lobkowicz die Lage nüchtern: "Manche hoffen, dass sich alles ändert, andere wünschen sich einen Schritt zurück. Ich hoffe, dass die Plenarversammlung ein Meilenstein in pastoraler Hinsicht wird".
Eine zweite Session sei sehr wahrscheinlich, deren Zeitpunkt und Tagesordnung festzusetzen, werde Aufgabe der bis Samstag anberaumten ersten Session sein. Die Kirche versucht, positive Dinge zu bringen, es geht uns niemals um Macht, sondern um die Frohe Botschaft von Christus", verwahrt sich Lobkowicz gegen die weit verbreiteten Unterstellungen in Politik und Medien, aber auch bei einfachen Leuten.
Regionale Partnerschaft Offenheit und Volksverbundenheit sollte auch die Gestaltung der diesjährigen Nationalwallfahrt und deren Einbeziehung in den Mitteleuropäischen Katholikentag demonstrieren. Die Nationalwallfahrt begann am Vorabend mit einem Treffen von Rollstuhlfahrern, zu dem auch die Außenminister Tschechiens, der Slowakei und Österreichs stießen. "Wir sind mittlerweile gute Freunde geworden", unterstrich Österreichs Außenministerin Benita Ferrero-Waldner die regionale Partnerschaft. Die Ministerin verwies im Gespräch mit "Kathpress" auch auf das Jahr der Behinderten, das heuer begangen werde.
Stargast des Rollstuhlfahrertreffens, das von der tschechischen "Miss Europe", Monika Zidkova, moderiert wurde, war freilich Eishockeylegende Jaromir Jagr, sozusagen der tschechische Hermann Maier. Offenheit demonstrierte insbesondere ein gemeinsam mit dem Zliner Kreis und dem tschechischen Kulturministerium veranstaltetes "Konzert der Menschen guten Willens" im Vorhof der Basilika, das in Radio und Fernsehen übertragen wurde. Neben den tschechischen TopEnsembles "Hradistan" und "Spiritual Kvintet" traten auch Künstler aus den anderen Teilnehmerländern des Katholikentags auf, aus Österreich der Tenor Franz Fahrleitner.
Unter den Zuhörern war auch Wiens Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, der beim Hauptgottesdienst am Samstag auf Grund seiner Geburt in Böhmen als "eigentlich unser Landsmann" besonders herzlich begrüßt wurde. In seinen teilweise in tschechischer Sprache vorgetragenen Grußworten skizzierte er die Grundanliegen des Mitteleuropäischen Katholikentags.
Den Katholikentag sieht auch Bischof Lobkowicz als hilfreich an, um einander näher zu kommen, denn "in der Isolation wächst der Nationalismus". Dabei gehe es gewiss nicht darum, "die Monarchie zu erneuern", so Lobkowicz, wohl aber um eine Überwindung der Einstellung "Wir sind die besten": "Unsere einzige Hoffnung in Europa ist Christus, wenn wir ihn ablehnen, fällt der Eckstein weg".
Der Besucher aus Österreich erlebt in Velehrad eine von schweren Schicksalsschlägen geschwächte und eingeschüchterte, aber unverzagte und vor allem jugendliche Kirche. Das Motto des "Instrumentum laboris" der Plenarversammlung der Synode - "Lassen wir uns die Zukunft nicht nehmen" - spiegelt diese bange Hoffnung wider. Intellektuelle aus dem liberalen und atheistischen Prag sowie einfache Leute aus der Umgebung, in der der Volkskatholizismus auch vom Kommunismus nicht gebrochen werden konnte, vermischen sich in Velehrad zu einem Gottesvolk, das so buntscheckig ist wie die prachtvollen Trachten der Gegend. Und es besticht die Ungezwungenheit, mit der Hierarchie, Klerus und Laien miteinander umgehen: Da steht der beim Gottesdienst so wortgewaltige Kardinal Vlk im blauen Sakko vor der Basilika und begrüßt die Gläubigen, die vom Gottesdienst der Rollstuhlfahrer herauskommen, und da ist sein Weihbischof Vaclav Maly, ein wortgewaltiger Prediger der nächsten Generation, zu Scherzen bereit, wenn er, im schwarzen Ausschlaghemd noch weniger als Bischof kenntlich, von jungen Pilgern erkannt wird. "Schön ist es hier", meint er, und auch der Bischof der Schlesischen Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses, Ladislav Volny, der beim Hauptwallfahrtsgottesdienst als Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen das Wort ergreift, bekennt dort - in seinem weißen Rochett seinerseits sehr katholisch aussehend -, er fühle sich "hier sehr wohl".
Die Plenarversammlung der Synode der tschechischen katholischen Kirche ist in vollem Gang. Hört und sieht man sich in Velehrad um, so gewinnt man den Eindruck, dass sie mit angehaltenem Atem und ohne Illusionen verfolgt wird. Als er von Pfarren gehört habe, die die Plenarversammlung mit einem täglichen gemeinsamen Gebet in der Kirche begleiten wollen, sei er "schockiert gewesen, wie ernst sie das nehmen", sagte Kardinal Vlk in seiner Predigt beim Eröffnungsgottesdienst am zweiten Staatsfeiertag am 6. Juli, der an die Verbrennung des Reformators Jan Hus erinnert und dem Cyrill-und-Method-Gedenktag am 5. Juli auf dem Fuß folgt. Der Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz, der Olmützer Erzbischof Jan Graubner, spricht von einem "kleinen Anfang". Er hege "keine übertriebenen Erwartungen, aber wir können einander kennen lernen und gemeinsame Erfahrungen machen". Bischof Lobkowicz bekennt, er spüre heute noch das "Erlebnis der Kraft" bei den Cyrill-und-Method-Feiern von 1985 in sich. Es mag, als Gabe des Heiligen Geistes, auch den Teilnehmern an der Plenarversammlung der Synode zuteil werden.
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