Beitrag von Kardinal König
Von der Monarchie bis zum Fall der Mauer (Kathpress, 10.6.03)
Einen großen historischen Bogen von den Zeiten der Donaumonarchie bis zur Überwindung des Eisernen Vorhangs schlug bei der "Europa-Vesper" Kardinal Franz König, der wie kaum ein anderer die bewegte Geschichte Europas im 20. Jahrhundert miterlebt hat. In seiner Volksschulzeit in Kirchberg an der Pielach sei das Bild Kaiser Franz Josephs I. im Klassenzimmer gehangen.
1945 habe die Konferenz von Jalta Europa in zwei Machtblöcke geteilt und damit "zerstört", wie König weiter ausführte. Für Jahrzehnte seien weite Teile der Grenze Österreichs identisch mit dem Eisernen Vorhang geworden. Als er Erzbischof von Wien wurde, sei völlig unabsehbar gewesen, ob die Teilung des Kontinents je wieder rückgängig gemacht werden könnte, an die sich die Menschen im Westen allmählich zu gewöhnen schienen, erinnerte sich König.
Ein dramatisches Erlebnis motivierte den Kardinal dann dazu, sich der verfolgten Christen im Ostblock in besonderer Wiese zuzuwenden: Es war jener Autounfall bei seiner Reise zum Begräbnis von Kardinals
Alojzije Stepinac gewesen, die seinen Fahrer das Leben kostete und bei dem sein damaliger Sekretär Helmut Krätzl und er selbst schwer verletzt wurden. Im Krankenhaus von Varazdin, unter dem Porträt Marschall Titos, habe er sich vorgenommen, "seinen Unfall als Zeichen zu sehen, dass er sich um die Kirche im Bereich hinter dem Eisernen Vorhang besonders kümmern solle". Erster Adressat seiner späteren zahlreichen Besuche in der kommunistischen Einflusssphäre sei Kardinal Mindszenty in der amerikanischen Botschaft in Budapest gewesen. König wörtlich: "Ich habe damals überlegt: was kann ich tun?
Ich kann nur Zeichen setzen. Ich besuchte dann Bischöfe und Generalvikare. Am Anfang war ich zaghaft, dann bin ich mutiger geworden". Allmählich sei ihm bewusst geworden, dass der Eiserne Vorhang nicht nur eine geographische Grenze ist, sondern "auch eine Barriere in den Herzen und in der Psyche der Menschen".
Schatten bis heute
Was für Auswirkungen diese Trennlinie mitten durch Europa für die Befindlichkeit und das Verhalten der unmittelbar Betroffenen hatte, sei ihm knapp nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bei einer Fortbildungsveranstaltung für tschechische Priester besonders bewusst geworden, erzählte König: Seine engagierten Ausführungen seien ohne jeden Widerhall geblieben, die Priester hätten keine einzige Frage
gestellt, keine Miene verzogen. Sein Gastgeber, der spätere Kardinal von Prag, Miloslav Vlk, habe ihn gebeten, nicht zu vergessen, "dass diese Leute Jahre, ja, Jahrzehnte hindurch ganz isoliert in ihren Pfarrhäusern gesessen seien. Sie konnten niemanden auf der Straße grüßen, sie ließen sich auf der Straße auch von niemandem grüßen. Da wurde man schnell verdächtigt, dass es eine heimliche Verbindung gebe. Der Seelsorger hat es bewusst vermieden, Leute anzusprechen, Leute zu begrüßen, in seinem kirchlichen Umkreis mehr zu tun als den Gottesdienst zu feiern".
Heute existiere der Eiserne Vorhang zwar nicht mehr, aber es werde noch "viel Fingerspitzengefühl, Geduld und liebevolle Fürsorge brauchen, bis die Mauern in den Herzen und im Denken vieler Menschen
zum Einsturz kommen". Dazu leiste die Kirche ihren besonderen Beitrag mit dem Mitteleuropäischen Katholikentag. König dazu abschließend: "Ich freue mich, dass ich den Katholikentag noch erleben kann, denn ich bin überzeugt, er wird ein wichtiger Meilenstein sein auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel. Es geht darum, in Einheit und möglicher Vielfalt Verantwortung zu übernehmen auf dem Bauplatz Europa".
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