Kirche setzt sich für Europa ein
Schönborn: Wiener Erzbischof warnt in "Kurier"-Interview davor, "parteipolitisches Kleingeld mit alten nationalistischen Ressentiments zu münzen" - Christen bringen ihre Werthaltungen ein (Kathpress)
Wien, 9.5.02 (KAP) Die katholische Kirche in Österreich setzt sich für Europa ein: Kardinal Christoph Schönborn betonte am Sonntag in einem "Kurier"-Interview, dass die Kirche in einer Zeit, "in der Kräfte versuchen, parteipolitisches Kleingeld mit alten nationalistischen Ressentiments zu münzen", einen Gegenakzent setzen wolle. In diesem Zusammenhang verwies der Wiener Erzbischof insbesondere auf die internationale Städtemission und auf den Mitteleuropäischen Katholikentag . Es werde auch ein gemeinsames Hirtenwort der acht Bischofskonferenzen geben, die den Mitteleuropäischen Katholikentag tragen - "ein absolutes Novum", so Kardinal Schönborn.
Im Hinblick auf die umstrittenen Benes-Dekrete stellte der Wiener Erzbischof fest, dass gerade hier das Wort vom "parteipolitischen Kleingeld" gelte. Man sehe das in der derzeitigen Vorwahlzeit in der Tschechischen Republik; ähnliches sei auch in Österreich zu befürchten. "Wir versuchen, kirchlicherseits einen anderen Weg zu gehen", betonte der Kardinal, dessen Familie 1945 aus Böhmen vertrieben worden war. Die "Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden" (Iustitia et Pax) der österreichischen und tschechischen Bischofskonferenzen hätten mehrmals getagt, um in der Frage der Benes-Dekrete ein gemeinsames Dokument auszuarbeiten. Im Herbst werde es ein weiteres Treffen geben.
Im Hinblick auf die kommende europäische Verfassung sagte Kardinal Schönborn, er sei zuversichtlich, "dass die Christen in Europa ihre Werthaltungen bewusster und initiativer einbringen als noch vor ein paar Jahren. Das tut auch der europäischen Wertegemeinschaft gut".
Auf die Frage, wie "christlich" Europa sei, erinnerte der Wiener Erzbischof an das Phänomen der neuen Wallfahrtsbewegung, das etwa in Santiago de Compostela oder am Grab von Padre Pio in San Giovanni Rotondo sichtbar wird. Dieses Phänomen werde auch von der Kirche zu wenig beachtet. Die Wallfahrer seien nicht alle "Kerzerlschlucker", sondern Europäer von heute. "Dieses Europa hat starke christliche Adern", betonte Kardinal Schönborn.
Im Hinblick auf die europäische Zuwanderungsdiskussion räumte der Wiener Erzbischof ein, dass man die Frage nach den Grenzen der Integrationsmöglichkeit Europas stellen müsse. Wörtlich meinte Schönborn in diesem Zusammenhang: "Die Entwicklung sollte dahin gehen, dass wir uns an die Wohlstandsverpflichtung Europas erinnern. Nicht im Sinne der Aufnahme von Einwanderern, sondern durch Hilfe, dass die Menschen aus ihren Ländern nicht emigrieren müssen. Man kann nicht zugleich Grenzen dichter machen und Entwicklungsmittel begrenzen".
In diesem Bereich sei es "verständlich", dass es verschiedene Standpunkte gibt. Die Caritas habe die Aufgabe, Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben, unterstrich Kardinal Schönborn. Die Politik sei aber auch die "Kunst des Möglichen".
Zur Frage nach dem Gesundheitszustand des Papstes betonte der Wiener Erzbischof, dass dies zu Recht viele Menschen bewege. Normalerweise sehe man Menschen in einer solchen Situation nicht mehr in der Öffentlichkeit. Den Papst werde man vermutlich bis zuletzt sehen: "Das bringt uns etwas in Erinnerung, was früher selbstverständlich war: Auch die letzte Lebensphase gehört voll zum Leben".
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