Gottesbezug in EU-Verfassung
Prodi spricht sich für den Dialog mit den Kirchen aus, zeigt sich aber zurückhaltend bei der Diskussion um den Gottesbezug in der zukünftigen Europäischen Verfassung. (Kathpress)
Prodi lobte bei der etwa einstündigen Unterredung, die in sehr freundschaftlicher Atmosphäre verlief, den Beitrag der Kirchen zur Aussöhnung in Europa. Die Erweiterung stelle auch in dieser Hinsicht eine große Herausforderung dar. Hinter den heute noch bestehenden Differenzen und Trennungen zwischen einzelnen Nationen stehe meist eine lange Geschichte, in die auch die Kirchen involviert seien. Für eine Versöhnung brauche es daher den Dialog der Kirchen und mit den Kirchen.
Europa sei "weder theistisch noch atheistisch oder antitheistisch", so Prodi weiter. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften müssten aber die Möglichkeit haben, sich entsprechend den jeweiligen Rechtsordnungen zu organisieren. Es sei an der Zeit, den überkommenen "Konflikt zwischen Klerikalismus und Antiklerikalismus" zu überwinden.
Zurückhaltender äußerte sich der EU-Kommissionspräsident zum Wunsch nach einem Gottesbezug in der künftigen EU-Verfassung. Mit Druck sei in dieser Frage wenig zu erreichen. Zur Forderung nach einer Einbeziehung der Kirchen in den Begutachtungsprozess für Gesetze auf EU-Ebene meinte Prodi, die Kirchen sollten wie bisher ihre Meinung zu verschiedenen Agenden äußern. Er persönlich sei dafür, den Dialog zwischen den EU-Institutionen und den Kirchen und Religionsgemeinschaften zu stärken.
Auf die Einladung Schönborns, zu einer der Auftaktveranstaltungen für den Mitteleuropäischen Katholikentag am 31. Mai/1. Juni dieses Jahres - sie finden in den acht Ländern statt - zu kommen, wies Prodi darauf hin, dass zur selben Zeit der G-8-Gipfel in St. Petersburg stattfindet, an dem er teilnehmen müsse. Trotzdem wolle er bei einer der Auftaktveranstaltungen dabei sein, um ein Zeichen der Wertschätzung für den Beitrag der Kirchen zum geeinten Europa zu setzen.
Fischler für Debatte über Gottesbezug in Verfassung
Der österreichische EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler bezeichnete die Diskussion um einen Gottesbezug in der künftigen EU-Verfassung als notwendig. Interessant sei der Vorschlag einer Formulierung wie in der polnischen Verfassung, die Gläubigen wie Nicht-Gläubigen gerecht werde, sagte Fischler. Ein Gottesbezug könne auch für die Muslime akzeptabel sein. Der EU-Kommissar erinnerte aber auch daran, dass Länder wie Frankreich darauf bestünden, die strikte Trennung zwischen Kirche und Staat festzuhalten.
Karas: Keine totale Säkularisierung Europas
"Der aktive Dialog zwischen Vertretern der Kirche und staatlicher Institutionen soll Europa vor einer totalen Säkularisierung bewahren", meinte der österreichische Europaabgeordnete Othmar Karas (EVP) zum Besuch der mitteleuropäischen Kirchendelegation bei den EU-Institutionen. Der Besuch sei ein wichtiges Signal auf dem Weg zur geistigen Einheit Europas.
Karas forderte die Kirchen und Religionsgemeinschaften Europas auf, sowohl den Dialog mit den Staaten und den Institutionen der Europäischen Union als auch den interreligiösen Dialog zu fördern und voranzutreiben. "Der Dialog auf den verschiedensten Ebenen ist eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der europäischen Integration und der Wiedervereinigung Europas", so der Abgeordnete.
Die Kirchen als wesentliche Trägerinnen und Vermittlerinnen jener Werte, auf die sich Europa gründet, dürften sich nicht von den großen Wertedebatten in Europa zurückziehen.
In diesem Zusammenhang erinnerte Karas auch an die laufenden Diskussionen im EU-Konvent über die Verankerung des Gottesbezugs in der Verfassung. "Ich wünsche mir eine Kirche, die sich in dieser wesentlichen Zukunftsfrage Europas noch stärker als bisher einbringt und ihre erwiesene Glaubwürdigkeit in Fragen der uns einenden Grundwerte in die Waagschale wirft", meinte Karas.
[Druckansicht]
|